Bilanz und Ausblick

Die Abschlussveranstaltung von 180 Grad am Dienstag 29. September war alles andere als langweilig. Auf dem Programm standen die Vorstellung des von Fränz Hausemer im Laufe des letzten Jahres realisierten Dokumentarfilms,  der  auf großen Beifall und Anerkennung stiess – und  an dieser Stelle sicherlich bald zu sehen sein wird – sowie die Reden der  Minister Claude Wiseler und Marco Schank und des Vertreters des Kooperationsministeriums Marc Bichler. Den Rahmen bildeten zwei Vorträge von Abbes und Jürgen, die beide auf ihre Weise eine kritische Bilanz des Projektes zogen.  Hier das « Requisitoire mit kabarettistischen Einlagen » von Jürgen (dem es aber doch ziemlich ernst war) zur Klimapolitik der luxemburgischen Regierung:

« Chers amis,

merci de m’accorder la parole ce soir. Ceux qui me connaissent savent que – malgré les apparences – je suis Luxembourgeois, que j’ai toujours vécu dans ce pays et que je suis chez moi ici. Awer et ass besser fir mech an och fir iech, dat ech elo op Daitsch weiderfueren…

Ich hatte das Privileg während eines Jahres das Projekt 180 Grad als Moderator zu begleiten.  Wir haben viel gelernt, viel gelacht, waren aber auch oft genug bestürzt und wütend.

Informations- und Sensibilisierungsprojekte wie dieses sollten in jeder Familie, jedem Betrieb und in jeder Vereinigung durchgeführt werden. Aber auch in jeder Partei und natürlich auch auf oberster Ebene in den staatlichen Verwaltungen!

Aber die Zeit läuft uns davon…

Deswegen – würde man mich fragen, was ich als nächstes gerne moderieren möchte, würde ich antworten: ein ganz ähnliches Projekt, aber als Teilnehmer würde ich mir die 15 Mitglieder der Regierung wünschen.

Warum die Regierung? Weil uns die Zeit davon läuft und die Probleme nach einer politischen d.h. gemeinschaftlichen Lösung verlangen. Das Bewusstsein für die Problematik des Klimawandels und für die Rolle Luxemburgs ist aber in der Runde der Regierungsmitglieder relativ gering entwickelt / oder soll ich sagen praktisch inexistent ?

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Herr Lux nicht am Wähler gescheitert ist, sondern in erster Linie an seinen Kollegen in der Regierung.

An erster Stelle natürlich am damaligen Finanzminister, dessen Verwaltung (Enregistrement et domaine) für die katastrophale Umsetzung der Reform der Autosteuer verantwortlich war. Eine Verantwortung, die der damalige Finanzminister und noch Premierminister zu keinem Moment auf seine Schultern nehmen wollte oder mit einer Geste der politischen Unterstützung auffangen wollte.

Doch auch die anderen Regierungskollegen hätten sich vor oder zumindest neben den Umweltminister stellen können. Wenn denn Klimapolitik Regierungspolitik gewesen wäre. War es aber nicht. Es war NUR die Politik des Umwelt- und Transportministers. Diese Einstellung ist dem Thema  nicht angemessen und deswegen glaube ich auch, dass das Bewusstsein in dieser illustren Runde für die Problematik ziemlich unterentwickelt ist.

In  den Augen der Zeithistoriker werden die letzten anderthalb Jahrzehnte als verlorene Jahre bewertet werden. Heute wissen wir alle

-       die enormen finanziellen Überschüsse wurden nicht zukunftssicher angelegt,
-       die Risiken, die auf dem Finanzplatz lagen, wurden nicht rechtzeitig entschärft,
-       und das Sozial-, Renten- und Besoldungssystem wurde als Pyramidenspiel konzipiert.

Verlorene Jahre, Jahre der Selbstüberschätzung einerseits und der Blendung andererseits.

Zurück zum Klimaschutz, auch im jetzigen Regierungsprogramm wird der Klimaschutz nur am Rande erwähnt, politisch korrekt aber ohne Überzeugung.

Die schönste Passage aus meiner Sicht ist dort, wo die künftigen Koalitionsparteien sich dazu verpflichten, die internationalen Verträge in diesem Bereich einzuhalten. Na immerhin! möchte man spotten.

Nun Herr Lux ist auch nicht als Umweltminister geboren worden – Biodiversität und Gewässerschutz sind nicht von vorneherein jedermanns Sache, auch er musste das Ausmaß der kommenden Gefahren erst einmal in den eigenen Knochen spüren. Sollen wir also jetzt darauf setzen, dass das neue Tandem aus den Ministern Wiseler/Schank durch ein paar internationale Konferenzen aufgerüttelt wird und sich dann hier zuhause todesmutig mit Herrn Krecké und Herrn Frieden anlegt? Wenig wahrscheinlich.

Aber nicht unmöglich.

Zugegeben, Ihre Situation (an die Minister gerichtet) ist alles andere als gemütlich, der Wähler hat Ihnen nicht wirklich den Auftrag gegeben, Luxemburg in die ‚Pole-Position’ des Klimaschutzes zu bringen. Sie haben ihn aber auch nicht wirklich danach  gefragt. Lieber abwarten, schauen, was die anderen machen, dann Einnahmen (z.B. aus dem Tanktourismus) und Ausgaben (z.B. in CDMs) vernünftig abwägen. Denn das kleine Luxemburg wird die Welt nicht retten und keiner erwartet es von uns!

Oder vielleicht doch? Ich glaube Philipp erwartet es von uns (sein Sohn ist 4 Monate alt), Gery auch (seine Kinder sind 1 und 3 Jahre alt), ich auch, meine Tochter ist 16.

Noch jemand hier? (…) Ja, wir erwarten es von uns und von Ihnen. Nicht weil das möglicherweise noch etwas am Lauf der Welt ändern könnte, sondern aus einem ganz altmodischen Bedürfnis heraus: aus dem Bedürfnis nach Selbstachtung.

Wir möchten alle in einem Gemeinwesen leben, das sich selber achtet, das auch vor dem Urteil der nächsten und übernächsten Generation bestehen kann! Muss ich das jetzt wirklich weiter erklären? Es ist ganz ähnlich wie zu Zeiten unserer Großeltern… Es geht um Selbstachtung.

Daraus folgt etwas ganz Einfaches, das sich in wenigen Worten fassen lässt: wir müssen unsere Verantwortung hier zuhause tragen und können uns nicht einfach im Ausland auf dubiose Weise freikaufen. Wir müssen auf den steinigen und teuren Weg gehen, mit dem wir hier bei uns innerhalb weniger Jahre die CO2-Emmissionen dramatisch senken. Wir müssen den energetischen Umbau unseres Gemeinwesens ankündigen, planen und durchführen. – und das obwohl wir das Geld haben, um weiter so zu machen wie bisher und es noch dazu billiger wäre, weiterzumachen wie bisher. Wir erwarten von Ihnen also keine neuen Eisschränke, sondern eine Strategie, die der Herausforderung gerecht wird.

Noch ein Wort zur Verantwortung, bitte verzeihen Sie mir, dass sich das jetzt noch schulmeisterlicher anhört, aber man hat ja nicht immer die Gelegenheit zu zwei Ministern zu sprechen: Mir scheint, in historischen Momenten genügt es nicht, sich auf das Zweifeln und Zögern der Bevölkerung zu berufen. Wir wissen alle, wie wenig dann dabei heraus kommt. Und zum anderen – lassen Sie sich nicht von den Sachzwängen die Sicht aufs Ganze versperren.

Irgendwann muss man auch in einer Konsensdemokratie Verantwortung ergreifen und den Weg voranschreiten. Das bedeutet natürlich politisches Risiko. Sammeln Sie einige Verbündete in der Regierung, fördern Sie in der Bevölkerung die Initiativen, die in die richtige Richtung gehen. Zögern Sie nicht, an den Stolz der Menschen zu appellieren. Machen Sie aus den kommenden 5 Jahren keine verlorenen Jahre! Wir können es uns einfach nicht mehr leisten! Wir alle hier wünschen Ihnen viel Erfolg! »

5 réponses

  1. Entschuldige, Juergen, dass es so lange gedauert hat.

    Ein Gedanke, auf den Juergen, berechtigterweise, oft zurueckkommt und der ihm wichtig ist, ist der Gedanke, dass Klimawandel uns herausfordert, eine ethische Haltung einzunehmen: uns verantwortlich zu fuehlen. In seiner Ansprache bringt Juergen Verantwortungsbewusstsein mit Selbstachtung in Verbindung. Wir wollen uns in die Augen sehen koennen. Aehnlich haben es auch andere Teilnehmer des Projekts formuliert. Und wer sich achten will, muss einen Weg finden, Verantwortung zu uebernehmen.

    Juergen geht es weniger darum, dass Einzelne ihr Konsumverhalten aendern, als darum, dass sie Druck auf die Politik ausueben oder sich sonst wie konstruktiv einsetzen. Das ist zum Teil sicher dem Kontext der Ansprache geschuldet, aber ich denke, es gibt auch davon unabhaengig Juergens Ansicht wieder. Und ich denke, Juergen hat Recht.

    Ein australischer Philosoph hat mal gemeint, ueber die letzten Jahrhunderte hinweg seien wir weniger ethisch geworden, unsere Gesellschaft hingegen ethischer. Wenn man ein wenig darueber nachdenkt, fallen einem leicht Gegenbeispiele ein, aber trotzdem ist etwas dran. Und es stimmt eher fuer die sozialdemokratischen Gesellschaften in Australien und Europa als fuer die USA. Wenn der Wohlfahrtsstaat sich um Arme und Arbeitslose kuemmert, muessen Individuen oder Wohltaetigkeitsorganisationen es nicht tun. Jugendherbergen nehmen uns die Muehen der Gastfreundschaft ab, usw. Dies kann man gut finden oder nicht. (In den USA fuehlt sich das Leben irgendwie intensiver an.) Ich selbst finde es im grossen Ganzen eine wunderbare Sache.

    Klimawandel ist gerade ein Fall, in dem die bestehenden Institutionen uns diese ethische Verantwortung nicht abnehmen, so dass wir uns nun mit Anforderungen konfrontiert sehen, mit denen viele von uns, ich eingeschlossen, sehr sehr schlecht umgehen koennen. Monbiot spricht von einem zweiten ethischen Code, der mit den ueblichen Anforderungen konfligiert. Beispiel Love Miles: Man schuldet Freunden oder Familie einen Besuch, den man nur abstatten kann, wenn man sich ins Flugzeug setzt…

    Man kann sich den Kopf zermartern und versuchen, mit diesen Situationen fertig zu werden. Das muss man wohl auch tun. Aber ich denke, Juergen hat ganz Recht, wenn er etwas anderes betont, wenn ich ihn richtig verstehe, naemlich, dass wir darauf draengen sollen, dass Institutionen geschaffen werden, die uns diese Verantwortung und diese Last der Entscheidung abnehmen. Nicht nur, damit wir nicht mehr unsere Zeit damit vertun, uns unsre huebschen Koepfe zu zerbrechen, sondern auch weil alles andere nicht funktionieren wird. Die wichtigsten Institutionen, wie ein Emissionshandelssystem, werden natuerlich hoch ueber diesen Koepfen entworfen werden, aber es gibt natuerlich auch auf nationaler Ebene viele Sachen, die man tun kann. Also: Moralismus so schnell wie moeglich ueberfluessig machen.

    Es gibt eine interessante Spannung in Juergens Text, natuerlich kein Fehler, ganz im Gegenteil. Juergen spricht zuerst ein wenig als Moralist, von Verantwortung und Selbstachtung. Wenn er dann von Klimawandel als einem Problem spricht, das eine gesellschaftliche Loesung verlangt, geht er ueber in die Rolle des social engineers und blickt zum Schluss von dieser Warte noch einmal zurueck auf die ethische Motivation, die sein Ausgangspunkt war. Nur spricht er am Ende nicht von Selbstachtung, sondern von Stolz, als ob Selbstachtung zu schade waere, und Stolz und Patriotismus gerade recht, um vom social engineer instrumentalisiert zu werden. Natuerlich haette Juergen auch dort von Selbstachtung sprechen koennen, was nur die Spannung verdeutlicht haette, in der man sich befindet, wenn man, wie man es tun muss, zwischen den Standpunkten des Moralisten und des social engineers hin- und herwechselt. Das zeigt sich auch darin, dass Juergen zuerst von einer gemeinschaftlichen Loesung spricht, als ob wir alle zusammen mit vereintem Willen und vereinten Kraeften die Sache anpacken wuerden, die allerdings dann schnell zu einer gesellschaftlichen wird, bei der die Initiative von oben ausgeht, waehrend der social engineer die oeffentliche Meinung als ein Faktor von vielen einkalkuliert und formt.

  2. In puncto Konsumverhalten ändern und Druck auf die Politik ausüben: Falls eine grosse Anzahl Otto-Normalverbraucher ihr Konsumverhalten reduzieren und verändern würden, würde die « immer mehr – immer schneller- immer höher – Maschinerie » sich ändern und reduzieren müssen. Das würde ohne Druck auf die Politik zu massiven Veränderungen führen. An uns Verbrauchern, mit dem Griff zu den « richtigen, naturfreundlichen » Produkten, wird sich der neue Weg messen.
    In puncto Love miles: wenn wir unseren Freunden und Bekannten einen Gegenbesuch « schulden », handelt es sich dann wirklich noch um Liebesmeilen, (oder ist es eher Erlebnishunger), und wie ist dies in Einklang zu bringen mit der Liebe zu unserem Planeten und ALL seinen Lebewesen?
    In puncto immer neue Institutionen schaffen: Sollte unser Ziel nicht sein den Einzelnen mündig zu machen und dazu aufzufordern seine Verantwortung zu übernehmen? Wäre auf diese Weise nicht viel schneller, billiger und weniger manipulativ an ein Ziel zu kommen.
    Die Frage ist nur, wie diese Energie der menschlichen Gier transformiert werden kann um wieder ein gemeinsames, sensibles Feld des Miteinanders zu schaffen.

  3. Hi Jutta,

    Natuerlich kann strategisches Konsumverhalten zu Emissionssenkungen fuehren. Mein Punkt war lediglich, dass Versuche, das Verhalten der Konsumenten (uns eingeschlossen) durch ethische Appelle zu beeinflussen, nur eine untergeordnete Rolle im grossen Ganzen spielen koennen. Diese Strategie ist einfach nicht effizient. (Es ist bekannt, dass, etwa im UK, umweltbewusste Konsumenten im Durchschnitt mehr Emissionen verursachen als weniger umweltbewusste – ganz einfach, weil in der Regel umweltbewusste Konsumenten der gehobenen Mittelschicht angehoeren und ueber hohe Kaufkraft verfuegen.) Ausserdem halte ich Liberalismus mit der Trennung von oeffentlicher Sphaere und Privatsphaere und der weitgehenden Verbannung ethischer Beurteilung in letztere fuer eine schuetzenswerte Errungenschaft. Ich bin auch einfach all diese moralistischen Feuilletonartikel und Kommentarspaltendiskussionen darueber, ob man es moralisch verantworten kann, als Aktivist nach Kopenhagen zu fliegen (was ich nicht tue, schon allein nicht, weil ich kein Aktivist bin), Kinder in die Welt zu setzen, Haustiere zu halten, Toilettenpapier zu benutzen, Kerzen anzuzuenden (erzeugen mehr Emissionen als elektrisches Licht, was nicht sehr romantisch ist), usw., muede. Dagegen bewundere ich die sachliche und nuechterne Einstellung unserer Wissenschaftler und social engineers. Diese moralischen Debatten sind, meiner Ansicht nach, groesstenteils Schaumschlaegerei. Die eigentliche Action findet woanders statt.

    Ich halte auch moralische Appelle nicht unbedingt fuer mehr oder weniger manipulativ als das Schaffen von Institutionen. Zum einen kann man die Schaffung von Institutionen mitverfolgen und begruessen (und, zumindest wenn man sich in einer privilegierten Stellung befindet, auch mit vorantreiben) und dann auch spaeter in ihnen leben, ohne auf Reflexion verzichten zu muessen. Man muss nicht dumm sein, um ein von Institutionen geformtes Leben zu fuehren. Zum anderen sind Bewusstseinsveraenderung und Institutionsreform nur Mittel zum Zweck der Senkung von Emissionen. Beide haben den Zweck, Handlungsveraenderungen herbeizufuehren. Beide sind in diesem Sinn Mittel, um Menschen zu manipulieren. Natuerlich koennen nicht alle von uns Einfluss auf Politik nehmen. (Ausser man legt die Latte so tief, dass man Im-Eisbaerfell-durch-Kopenhagen-herumlaufen und Aehnliches fuer effektives politisches Engagement haelt.) Nicht alle von uns koennen auf diese Weise Verantwortung uebernehmen. Aber Verantwortungsuebernahme ist auch kein Selbstzweck. Ebenso wenig ist Bewusstseinsveraenderung, die zu Verantwortungsuebernahme fuehren soll, ein Selbstzweck. Wenn die Schaffung von Institutionen (in einem weiten Sinn) das effizientere Mittel ist, den Endzweck zu erfuellen, naemlich zu Emissionssenkungen zu fuehren, dann gebuert ihr der Vorrang, was nicht heisst, dass die andere Form der Manipulation keinen Platz haette. Mit anderen Worten: In diesem Fall ist der Zweck wichtiger als die Mittel. Was natuerlich nicht heisst, dass alle Mittel recht sind. Am wichtigsten ist Effizienz. Natuerlich kann die Aussicht, in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder Verantwortung uebernimmt, einen reizen. Aber zum einen kann man in Institutionen leben, ohne Reflexion aufzugeben. Zum anderen bringt der Zwang, sein Verhalten in vielen Bereichen ethisch auszurichten, auch viele Probleme und Unannehmlichkeiten mit sich. Wieso soll man sich das Leben schwer machen, wenn es auch anders geht? Weil man Schwere an sich mag? Weil einem diese Schwere wichtiger ist als die Eindaemmung der Erderwaermung selbst? Weil man Zweck und Mittel vertauscht?

    Uebrigens: Manchmal sind Love Miles tatsaechlich Love Miles. Viele von uns fuehren nun mal ein recht kosmopolitisches Leben inklusive interkontinentaler Beziehungen. (Uebrigens ist das kein autobiographisches Beispiel.) Selbst schuld, kann man da sagen. Man haette sich ja auch in Luxemburg einrichten koennen, in der kleinen Welt. Natuerlich. Aber das heisst ja nicht, dass diese Love Miles keine genuinen Love Miles sind. Es ging mir in dieser blossen Andeutung eines Beispiels ja auch gar nicht darum, ein Recht mancher Menschen auf ueberdurchschnittlich hohe Emissionsbudgets aufgrund besonderer Lebensumstaende geltend zu machen. Mein Punkt war nur, dass Preiserhoehungen auf Flugtickets ganz ohne unangenehmen Moralismus eine groessere Wirkung haben als Versuche, Bewusstseinsveraenderungen herbeizufuehren, und das laesst sich kaum bestreiten.

    Es gibt – kleiner Exkurs – eine erstaunlich ueppige philosophische Literatur zu der Frage, ob es fuer den Einzelnen rational ist, waehlen zu gehn. Immerhin aendert eine Stimme nichts am Wahlergebnis, und Waehlen ist mit einem gewissen Zeitaufwand und anderen Kosten verbunden. In Laendern wie Luxemburg und Australien hat man das Problem elegant und auf praktische Weise geloest, in dem man Waehlen per Gesetz obligatorisch gemacht hat, so dass Nichtwaehlen mehr Unanehmlichkeiten (in Form von Geldstrafen) mitsichbringt als Waehlen. Man muss gar nicht mehr an Buergersinn und Patriotismus appellieren, um die Motivationsstruktur des Buergers in die gewuenschte Richtung zu biegen. Mit manchen Konsumhandlungen wie Fliegen koennte man aehnlich umgehen und wird es letzten Endes auch tun.

    Ich weiss auch nicht wirklich, was es heissen soll, einen Planeten bzw. all seine Lebewesen zu lieben, gerade so wenig, wie ich etwa wuesste, was es heissen soll, ein Land zu lieben. Heinemann, in seiner Zeit als deutscher Bundespraesident, wurde mal von einem Journalisten gefragt, ob er denn sein Land liebe. Fuer einen deutschen Bundespraesidenten ist diese Frage natuerlich heikel. Ein gewisser Patriotismus wird von einem erwartet, andererseits ist Vaterlandsliebe suspekt geworden. Er hat die einzig akzeptable Antwort gegeben: Er liebe seine Frau. Etwas anderes zu lieben als ein paar Menschen um einen herum kommt mir fast wie ein Kategorienfehler vor. Aber das bin nur ich. Vor allem aber geht es niemanden an, wen oder was ich liebe und, allgemeiner, aus welchen Motiven ich handle, so lange ich nichts kaputt mache. Und auch dann sollten meine Handlungen wichtiger sein als meine Motive. Meinen Freunden gestatte ich gerne, dass sie meine Motive kritisieren. Ich erwarte es sogar von ihnen. Aber alle anderen gehen meine Motive nichts an. Das ist nichts anderes als die liberale Trennung von oeffentlicher Sphaere und Privatssphaere und die Einschraenkung ethischer Beurteilung auf letztere, auf die ich nicht wuerde verzichten wollen. Aber um Moralismus einzudaemmen, brauchen wir nun mal Institutionen und Mechanismen (in einem sehr weit gefassten Sinn, der gemeinschaftliche Aktionen miteinschliesst), die verhindern, dass wir etwas kaputt machen, zumindest so lange wir uns an die Gesetze halten.

    Habermas zufolge sind unsere modernen Gesellschaften von der Tendenz zur Kolonialisierung der Lebenswelt durch das System gepraegt. Aber vielleicht waere das Umgekehrte, die Kolonialisierung des Systems durch die Lebenswelt, nicht viel besser, auch nicht fuer die Lebenswelt selbst, der es, so lange man auf der Sonnenseite des Systems steht, nicht als Kolonie, aber doch als Enklave, eigentlich doch recht gut geht.

  4. Hi Gilles,
    bitte entschuldige, wenn ich dir Anlass dazu gegeben haben sollte zu meinen, ich wolle dich persönlich angreifen: das war nicht meine Absicht.
    Wenn ich die Philosophen lese, so stelle ich fest, dass ich jedem einzelnen, in dem was er sagt, 100% zustimmen muss. Jeder ist ein Aspekt, eine Sichtweise, eines Ganzen.
    So verhält es sich jetzt auch mit unser beider Aussagen.

    Fakt ist, es gibt einen Ort, an dem der Mensch die Möglichkeit hat sich auszudrücken, Leben zu spüren und Leben zu erkennen. Dieser Ort heisst Erde. Darum liebe ich diesen Planeten, weil er mir all das vorher aufgezählte möglich macht. Wird dieser Ort zu einem lebensfeindlichen Raum, (durch nicht bewusste Menschen; denn die Tiere sind nicht die Verursacher; darum liebe ich auch sie) gibt es für niemanden mehr die Möglichkeit in seiner Einzigartigkeit ein Aspekt eines Ganzen zu sein.

    Mein Traum ist es, dass jeder Mensch sich dessen bewusst wird und dementsprechend handelt; Ist es nicht letztendlich so, dass wenn man Leben behalten darf man dafür vieles andere aufgeben kann?

  5. Ich habe mich nicht im Geringsten angegriffen gefuehlt. Mir geht es nur um die Sache selbst.

    So wie ich die Sache sehe, geht es hier um zwei Fragen: Was ist effizienter im Hinblick auf Emissionssenkungen, Moralisierung (insbesondere des Konsumenten) oder die Schaffung eines gewissen institutionellen Rahmens (Klimaabkommen, nationale Emissionsziele, Emissionshandelssystem, Kohlenstoffsteuer, Weltklimabank, nationale Institutionen etwa nach dem Beispiel des UK, Adaptationsfonds, Regulierung von Technologietransfers, Investitionen in erneuerbare Energie, REDD, usw. usf.)? Und was ist uns lieber, einer moralistische oder eine liberale Gesellschaft? Ueber beides kann man streiten, und wenigstens auf die erste Frage gibt es, meiner Ansicht nach, eine relativ eindeutige Antwort. Ich glaube nicht, dass hier ein Fall von verschiedenen und doch auf irgendeiner Ebene kompatiblen Perspektiven vorliegt. (Und Philosophen, wie andere Leute auch, sagen viel Unwahres und sehr viel Unsinniges.)

    Natuerlich ist Verantwortungsbewusstsein eine wichtige Sache. Ich wollte dessen Bedeutung nicht herunterspielen. Verantwortungsbewusstsein spielt eine wichtige Rolle u.a. aus drei Gruenden: (1) weil die Schaffung von Institutionen vorangetrieben werden muss, (2) weil ihre Akzeptanz gewaehrleistet werden muss (Bei der Autosteuer sieht man ja, was geschieht, wenn diese nicht gegeben ist.), (3) weil Institutionen nicht immer und nicht ueberall hinreichen, was auch gut so ist. Trotzdem, Institutionen sind fuer Effizienz entscheidend.

    Ausserdem denke ich, dass eine Bewusstseinsveraenderung, die sich auch in Handlungsveraenderung niederschlaegt, ohne institutionelle Aenderung praktisch nicht herbeigefuehrt werden kann. Idealerweise spiegeln unsere Institutionen unsere Werte wider. Idealerweise gehen diese Hand in Hand. Andernfalls fuehlen wir uns unserer Gesellschaft entfremdet. Unserem Verantwortungsgefuehl steht dann die gesellschaftliche Realitaet gegenueber, die unserem Verantwortungsgefuehl fortwaehrend vorhaelt, bloss ein Gefuehl zu sein, und dies hemmt uns und belastet uns. Der direkteste Weg zu Bewusstseinsveraenderung fuehrt ueber Institutionsveraenderung.

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